Ist es heute einfacher im Netz zu senden als vor zehn Jahren?
Wenn ich manchmal an die zurückliegenden zehn Jahre Konzertstreaming mit Rockwire (aka Netnoise) denke, überkommt mich so eine merkwürdige Mischung aus Freude und Trauer. Trauer deshalb, weil es uns nicht gelungen ist, unser kleines Nischenkulturprojekt auf eine finanziell tragfähige Basis zu stellen. Auf der anderen Seite Freude, weil wir nicht nur richtig Spaß bei der Sache hatten, sondern ausserdem in den Genuss gekommen sind, eine extrem spannende Zeit des Umbruchs im Web mitzuerleben.
Ende 1998 haben wir beschlossen, das Netz zum Senden zu nutzen. Unsere Beweggründe dafür waren recht klar. Wir wollten den Schritt vom Medienkonsumenten zum Produzenten machen, weil uns die Inhalte, da man uns anbot, nicht passten. Warum das Internet? Eine Radiofrequenz war zu teuer, Fernsehen kam entsprechend gar nicht in Frage, Piratenfunk wurde kurz überlegt (Bauanleitungen für UKW-Sender gab's damals ja noch im Web) aber wegen der rechtlichen Bedenken doch verworfen. Das Netz bot den billigsten und verhältnismäßig einfachsten Weg, eine gewisse Masse von Leuten zu erreichen.
Heute, im Jahr 2009, ist das Senden im Netz sehr einfach geworden. Ein paar Klicks auf einer der UGC-Plattformen reichen aus. Marketing-Fuzzis sprechen - meist mit viel pathos - vom Konsumenten der gleichzeitig Produzent ist. Wie oben gesagt, eigentlich ein alter Hut. Und einigen Politikern scheint ganz ungeheuer, was da alles publiziert und gestreamt wird. Und vielen Urhebern natürlich auch. Und den sonstigen Rechteinhabern. Und den alten Medien sowieso.
Im Web 2.0 scheint endlich das Realität geworden, was eine der Leitideen von Tim Berners-Lee bei der Erfindung des WWW war: Jeder soll im World Wide Web publizieren können. Wieso das so lange gebraucht hat, ist mir eigentlich ein Rätsel.
Aber ist es heute wirklich einfacher als vor zehn Jahren im Web zu publizieren? Große Teile des Netzes sind komplett durchkommerzialisiert. "Free" ist zum Geschäftsmodell avanciert. Klar, auf den großen UGC-Plattformen kann jeder innerhalb von Minuten seinen Kram veröffentlichen - bezahlt wird mit Zeit, Content und dem eigenen Nutzerprofil - mit Freiheit. Meist kann man Teile dieser Freiheit wieder zurückkaufen. Das nennt sich dann "Premium-Account" oder so ähnlich.
Vor zehn Jahren waren die technischen Hürden für das Publizieren, in unserem Fall für das Senden, höher. Zugegeben. Hatte man sie aber überwunden, war man frei, die gewonnen Möglichkeiten genau so für sich zu nutzen, wie man wollte. Diese Freiheit gibt es im Schatten der Plattformen heute kaum mehr. Freiheit wurde gegen Einfachheit eingetauscht. Aber vielleicht lässt sie sich zurückgewinnnen. Aus dem Umfeld der "Free Software"-Bewegung - bei der "Free" ja im Sinne Freiheit und nicht Freibier verwendet wird - tauchen mit etwa Kaltura oder Lifebox Programme auf, welche die Funktionen von Web-2.0-Plattformen in einer selbstgehosteten Form bieten. Eine spannende und vielversprechende Entwicklung.