„Wer ‚Internet-Auftritt‛ sagt, ist raus.“

Vor kurzem bin ich über diesen Tweet von Mario Sixtus gestolpert und musste intuitiv schmunzeln, weil mir - wie vielen anderen sicher auch - die ein oder andere Assoziation mit diesem altbackenden Wörterklotz „Internet-Auftritt“ erschien. Aber als mir der Begriff heute nochmal durch den Kopf geht, da finde ich nun, dass er im Grunde doch recht umfassend und zukunftsweisend ist. Er wird nur oft falsch gebraucht. Einige Leute sagen „Internet-Auftritt“, wenn Sie eine Homepage meinen. Aber der Begriff umfasst tatsächlich sämtliches in Erscheinung treten im Netz. Und dazu gehört neben Website und E-Mail auch etwa die aktive Präsenz in branchenbezogenen Gruppen und Netzwerken, sowie nicht zuletzt die Beschäftigung mit der Frage, was andere über das eigene Unternehmen publizieren und wie mit diesem wertvollen Feedback umgegangen wird.

Was passiert, wenn die Auseinandersetzung mit dem Netz nicht über die eigene Homepage hinauskommt, haben die meisten sicher mehr als einmal leidvoll erlebt. Spontan fällt mir das hier ein: Man füllt auf einer Website brav ein Kontaktformular mit zehn Pflichtfeldern aus und bekommt auch nach Tagen keine Antwort per E-Mail. Statt dessen ruft mal jemand an. Oder schickt einen Katalog per Post. An dieser Stelle auch ein kurzer Gruß an alle Anbieter von Mail2Fax-Gateways, die das Downgraden der Kommunikationsform praktisch professionalisiert haben. Aber ich schweife ab. Um es auf den Punkt zu bringen: Auch wenn die eigene Firma in Fertigbeton macht, ist das kein Grund, eine Website online zu stellen, ohne vorher über den Internet-Auftritt als Gesamtes nachgedacht zu haben.

Ist es heute einfacher im Netz zu senden als vor zehn Jahren?

Wenn ich manchmal an die zurückliegenden zehn Jahre Konzertstreaming mit Rockwire (aka Netnoise) denke, überkommt mich so eine merkwürdige Mischung aus Freude und Trauer. Trauer deshalb, weil es uns nicht gelungen ist, unser kleines Nischenkulturprojekt auf eine finanziell tragfähige Basis zu stellen. Auf der anderen Seite Freude, weil wir nicht nur richtig Spaß bei der Sache hatten, sondern ausserdem in den Genuss gekommen sind, eine extrem spannende Zeit des Umbruchs im Web mitzuerleben.

Ende 1998 haben wir beschlossen, das Netz zum Senden zu nutzen. Unsere Beweggründe dafür waren recht klar. Wir wollten den Schritt vom Medienkonsumenten zum Produzenten machen, weil uns die Inhalte, da man uns anbot, nicht passten. Warum das Internet? Eine Radiofrequenz war zu teuer, Fernsehen kam entsprechend gar nicht in Frage, Piratenfunk wurde kurz überlegt (Bauanleitungen für UKW-Sender gab's damals ja noch im Web) aber wegen der rechtlichen Bedenken doch verworfen. Das Netz bot den billigsten und verhältnismäßig einfachsten Weg, eine gewisse Masse von Leuten zu erreichen.

Heute, im Jahr 2009, ist das Senden im Netz sehr einfach geworden. Ein paar Klicks auf einer der UGC-Plattformen reichen aus. Marketing-Fuzzis sprechen - meist mit viel pathos - vom Konsumenten der gleichzeitig Produzent ist. Wie oben gesagt, eigentlich ein alter Hut. Und einigen Politikern scheint ganz ungeheuer, was da alles publiziert und gestreamt wird. Und vielen Urhebern natürlich auch. Und den sonstigen Rechteinhabern. Und den alten Medien sowieso.

Im Web 2.0 scheint endlich das Realität geworden, was eine der Leitideen von Tim Berners-Lee bei der Erfindung des WWW war: Jeder soll im World Wide Web publizieren können. Wieso das so lange gebraucht hat, ist mir eigentlich ein Rätsel.

Aber ist es heute wirklich einfacher als vor zehn Jahren im Web zu publizieren? Große Teile des Netzes sind komplett durchkommerzialisiert. "Free" ist zum Geschäftsmodell avanciert. Klar, auf den großen UGC-Plattformen kann jeder innerhalb von Minuten seinen Kram veröffentlichen - bezahlt wird mit Zeit, Content und dem eigenen Nutzerprofil - mit Freiheit. Meist kann man Teile dieser Freiheit wieder zurückkaufen. Das nennt sich dann "Premium-Account" oder so ähnlich.

Vor zehn Jahren waren die technischen Hürden für das Publizieren, in unserem Fall für das Senden, höher. Zugegeben. Hatte man sie aber überwunden, war man frei, die gewonnen Möglichkeiten genau so für sich zu nutzen, wie man wollte. Diese Freiheit gibt es im Schatten der Plattformen heute kaum mehr. Freiheit wurde gegen Einfachheit eingetauscht. Aber vielleicht lässt sie sich zurückgewinnnen. Aus dem Umfeld der "Free Software"-Bewegung - bei der "Free" ja im Sinne Freiheit und nicht Freibier verwendet wird - tauchen mit etwa Kaltura oder Lifebox Programme auf, welche die Funktionen von Web-2.0-Plattformen in einer selbstgehosteten Form bieten. Eine spannende und vielversprechende Entwicklung.

Brief an Alice

Liebe Alice,

gerade erhielt ich einen Anruf aus einem Dortmunder Callcenter (0231-1892427). Man sagte mir, das Telefonat würde in Deinem Auftrag erfolgen. Es ging darum, dass ich einwilligen sollte, zukünftig telefonisch über neue Produkte informiert zu werden. Auf Deiner Website selbst nachzuschauen ginge nämlich nicht, da sei nichts für Bestandskunden dabei. Aha. Ich wollte trotzdem nicht. Da wurde der Anrufer auch gleich pampig. Ich solle mich dann nicht wundern, wenn ich von neuen Preisen nichts erfahren würde.
 
Ehrlich gesagt, weiss ich jetzt nicht, was ich von Dir halten soll, Alice. Deine tollen, neuen Angebote für Bestandskunden dürftest Du mir gerne per E-Mail schicken. Schliesslich habe ich sogar Deinen Newsletter abonniert. Wieso aber lässt Du einen miesgelaunten, nuschelnden Call-Center-Agent zur Mittagessenszeit bei mir anrufen, obwohl ich der telefonischen Kontaktaufnahme widersprochen habe?
 
Als ich Dein Kunde wurde, dachte ich Du seist irgendwie anders. Netter. Und mit etwas Respekt für die Privatsphäre derjenigen, die Dir Deine Einnahmen sichern, Deiner Kunden eben. Aber irgendwie geht's mit Dir bergab. Das ist schade. Mit uns beiden wird das wohl nichts mehr.
 
Vielleicht merkst Du ja selbst, was das bei Dir schief läuft. Dann könntest Du Dich bei mir - und den anderen Kunden, die ebenfalls genervt von Deiner Telefonaktion berichten - entschuldigen. Ansonsten würde ich dann wohl doch lieber kündigen.
 
Also Alice, denk' mal drüber nach.
 
 
Viele Grüße nach Hamburg
Dein Timon

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